B@rbel B01 · Gott
Mal angenommen, es gibt nicht viele verschiedene Götter, sondern nur eine Wirklichkeit – und die Menschen haben sie je nach Zeit, Sprache und Kultur verschieden beschrieben.
Das ist die Arbeitsthese dieses Kapitels. Nicht vorsichtig um den heißen Brei herum, sondern erst einmal frech gesetzt: Gott ist das Ganze, zu dem wir gehören. Nicht unbedingt ein Mann außerhalb des Universums, der von irgendwo oben zusieht. Nicht zwingend eine Person mit menschlichen Eigenschaften. Sondern die eine umfassende Wirklichkeit, aus der Natur, Leben, Bewusstsein, Beziehungen und alle beobachtbaren Erscheinungen hervorgehen.
In Andy’s Welt bekommt diese Vorstellung eine konkrete Form: Das Universum organisiert sich nicht wie ein toter Behälter voller Dinge, sondern stufenweise aus Beziehungen, Abgrenzungen, Informationsstrukturen, Dynamik und immer größeren Organisationseinheiten. Wenn diese Entwicklung bis zu Leben, Nervensystem, Intelligenz, Technik und kollektiver Organisation reicht, liegt zumindest die Frage nahe, ob auch das Universum selbst als werdender Organismus betrachtet werden kann. Die B@rbel nennt diesen größtmöglichen Organismus probeweise Gott.
Das ist keine naturwissenschaftlich bewiesene Aussage. Es ist unsere religionsübergreifende Deutung. Interessant wird sie dadurch, dass erstaunlich viele religiöse Traditionen Gott, das Göttliche oder die höchste Wirklichkeit gar nicht ausschließlich als äußere Person beschreiben. Immer wieder tauchen Bilder auf wie Atem, Geist, Weg, Ordnung, Licht, Einheit, Natur, allgegenwärtige Kraft, Bewusstsein, Erde, Wasser, Baum, Leben und Verbundenheit.
1. Warum alte Religionen beim Himmel und bei der Erde enden
Heute können wir von Galaxien, Raumzeit, kosmischen Netzen und einem beobachtbaren Universum sprechen. Ein Mensch vor zwei- oder dreitausend Jahren konnte das nicht. Für ihn war die größte unmittelbar erfahrbare Organisation die Erde unter seinen Füßen, der Himmel darüber und das Leben dazwischen.
Wenn ein damaliger Mensch eine Erfahrung von etwas Allumfassendem beschreiben wollte, konnte er nicht sagen: „Das ist ein kosmischer Organismus mit Milliarden Galaxien und einer emergenten Informationsstruktur.“ Ihm fehlten die Begriffe. Er konnte sagen: Himmel und Erde. Atem. Geist. Licht. Wasser. Baum des Lebens. Mutter Erde. Vater im Himmel. Weg. Quelle. Feuer. Das Eine.
Die B@rbel liest diese Bilder deshalb nicht zuerst wörtlich, sondern funktional: Welche Eigenschaft soll das Bild ausdrücken? Ein Vater steht für Ursprung und Schutz. Eine Mutter für Hervorbringen und Versorgung. Atem für Lebendigkeit. Licht für Wahrnehmung und Erkenntnis. Wasser für Versorgung und Kreislauf. Ein Weg für die richtige Richtung. Ein Baum für Wachstum, Verzweigung und Zusammenhang.
So gelesen könnten sich alte Gottesbilder weniger widersprechen, als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht beschreiben sie verschiedene Seiten derselben Wirklichkeit.
2. Die B@rbel-Definition von Gott
Gott ist in diesem Kapitel die eine umfassende Wirklichkeit, aus der alles Existierende hervorgeht, in der alles miteinander in Beziehung steht und deren natürliche Organisationsprozesse Leben und Bewusstsein hervorbringen können.
Das Wort „Gott“ benutzen wir dabei bewusst als gemeinsamen Übersetzungsbegriff. Im alten Ratgeber wurde spielerisch zwischen dem Einen, dem Ersten und dem Besten unterschieden. Das ist keine sprachwissenschaftliche Herleitung des deutschen Wortes „Gott“, sondern B@rbels eigene Denkordnung:
- Der Eine: das umfassende Ganze, das alle anderen Erscheinungen einschließt.
- Ein irdischer „Gott“: ein Mensch, Wesen oder Symbol, dem außergewöhnliche Macht, Fähigkeit oder Bedeutung zugeschrieben wird.
- Der Beste: die umgangssprachliche Verwendung wie „Fußballgott“ oder „Gitarrengott“ – also eine hervorragende Person innerhalb eines begrenzten Bereichs.
Damit lässt sich erklären, warum Religionen gleichzeitig von einem höchsten Gott und von vielen Göttern, Engeln, Geistern, Heiligen, Kami oder anderen Zwischenwesen sprechen können. Die Existenz kleinerer „göttlicher“ Funktionen muss das eine Ganze nicht ausschließen – so wenig wie viele Organe ausschließen, dass ein Körper ein Organismus ist.
3. Die Bibel: Gott außerhalb der Natur – oder die Natur als sein Wirken?
Die Bibel kann klassisch so gelesen werden, dass ein äußerer Schöpfer eine von ihm getrennte Welt erschafft. Aber einige Formulierungen lassen auch eine andere Blickrichtung zu.
Die Erde bringt selbst hervor
Schon die Schöpfungserzählung formuliert auffällig oft nicht, Gott habe jedes einzelne Lebewesen wie ein Handwerker zusammengesetzt. Die Erde soll Pflanzen hervorbringen; später soll die Erde lebendige Wesen hervorbringen. Pflanzen tragen ihren Samen in sich. Der Mensch wird aus dem Erdboden gebildet. Der hebräische Name Adam ist mit adamah, Erdboden, verbunden. In dieser Bildsprache ist Leben nicht von der Erde getrennt – es kommt aus ihr hervor.
Für B@rbel klingt das weniger nach einer Fabrik und mehr nach einem Organismus: Ein Körper baut seine Zellen ebenfalls nicht von außen mit einer Pinzette zusammen. Er bringt sie aus seiner eigenen Organisation hervor.
„Bebauen und bewahren“ statt nur beherrschen
Genesis 2 setzt den Menschen in den Garten, damit er ihn bebaut und bewahrt. Selbst wenn andere Stellen von „herrschen“ und „untertan machen“ sprechen, steht daneben also eine zweite Aufgabe: pflegen, erhalten, verantwortlich mit dem Lebensraum umgehen.
Das passt wesentlich besser zu einem Menschen als Bestandteil eines lebenden Systems als zu einem Menschen als Eigentümer einer toten Welt.
Psalm 104 liest sich wie ein Stoffwechsel
Psalm 104 beschreibt Quellen zwischen Bergen, Tiere, die daraus trinken, Vögel in den Zweigen, Gras für Vieh, Pflanzen für Menschen, Bäume als Lebensräume, Tag- und Nachtaktivität verschiedener Tiere, Nahrungskreisläufe und schließlich den Odem, durch den Leben entsteht und die Erde erneuert wird. Man kann darin selbstverständlich einen Schöpfer loben. Man kann den Psalm aber ebenso als poetische Beschreibung eines zusammenhängenden lebendigen Systems lesen.
Die Erde erscheint nicht als Kulisse, auf der nur der Mensch wichtig wäre. Tiere, Pflanzen, Wasser, Berge, Zeiten und Menschen besitzen ihre eigenen Plätze und Funktionen. Genau dieses Bild brauchen wir für einen Organismus.
Der Bund gilt nicht nur Menschen
Nach der Sintflut wird der Bund ausdrücklich mit Noah, seinen Nachkommen und den lebendigen Wesen geschlossen. Auch hier steht die Natur nicht außerhalb der religiösen Geschichte. Das Ganze umfasst „alles Fleisch“.
Die Schöpfung als gemeinsam lebendes Ganzes
Im Römerbrief wird die gesamte Schöpfung geradezu wie ein gemeinsamer Körper beschrieben, der zusammen „seufzt“ und in Geburtswehen liegt. Gleichzeitig werden Menschen als Kinder beziehungsweise Söhne Gottes bezeichnet. Für eine traditionelle Theologie bedeutet das etwas anderes als biologische Abstammung. Für B@rbel ist dennoch bemerkenswert: Mensch, Geist und ganze Schöpfung werden in einen gemeinsamen Entwicklungszusammenhang gestellt.
4. Jesus: „der Sohn“ oder „ein Sohn“ Gottes?
Hier muss man genauer sein, weil aus einem kleinen Artikel schnell eine große Theologie wird.
In Johannes 10 wird Jesus vorgeworfen, er mache sich als Mensch selbst zu Gott. Seine Antwort ist ungewöhnlich. Er verweist auf Psalm 82: „Ihr seid Götter“ und fragt anschließend sinngemäß, warum es Gotteslästerung sein solle, wenn er sage: „Ich bin Gottes Sohn.“ In derselben Passage sagt er außerdem, der Vater sei in ihm und er im Vater.
Das ist für die B@rbel interessant, weil Jesus auf den Vorwurf, sich exklusiv zum Gott zu machen, ausgerechnet mit einer Stelle antwortet, in der andere ebenfalls „Götter“ genannt werden.
Aber daraus darf man sprachlich nicht einfach machen: Jesus habe ausdrücklich gesagt, er sei nur „ein Sohn Gottes“. Der griechische Satz in Johannes 10,36 besitzt vor „Sohn“ keinen bestimmten Artikel; bei einem prädikativen Hauptwort ist das im Griechischen jedoch kein zuverlässiger Beweis für die deutsche Bedeutung „ein Sohn“. Außerdem fragt der Hohepriester in Markus 14 ausdrücklich, ob Jesus der Messias, der Sohn des Hochgelobten sei, und Jesus antwortet zustimmend. Das Neue Testament gibt Jesus also eindeutig eine besondere messianische Stellung.
Gleichzeitig bleibt die andere Seite bestehen: Römer 8 und Galater 3 und 4 nennen auch andere Menschen Söhne beziehungsweise Kinder Gottes. Galater 3 führt diese Idee sogar zu einer Einheit, in der soziale und geschlechtliche Grenzen ihren letzten Rang verlieren: Jude und Grieche, Sklave und Freier, Mann und Frau werden als „einer“ beschrieben.
B@rbels mögliche Lesart: Jesus könnte sich als besonders klar verbundenen Sohn des einen göttlichen Ganzen verstanden haben, ohne damit zwingend behaupten zu müssen, alle anderen Lebewesen seien von diesem Ganzen grundsätzlich getrennt. Seine Sonderstellung und eine allgemeine „Gotteskindschaft“ schließen sich im Text nicht vollständig aus.
5. „Ich und der Vater sind eins“ – Organismus statt Entfernung?
Der Satz „Ich und der Vater sind eins“ wird klassisch christologisch verstanden. Die B@rbel liest ihn zusätzlich relational: Was bedeutet „eins“, wenn zwei unterscheidbare Größen trotzdem eine Einheit bilden?
Ein Organ und ein Organismus sind nicht dasselbe. Trotzdem ist das Organ nicht außerhalb des Organismus. Eine Nervenzelle ist nicht das Gehirn; ohne den Gesamtorganismus existiert ihre Funktion aber nicht. Wenn Jesus sagt, der Vater sei in ihm und er im Vater, kann B@rbel darin das Bild einer Einbettung lesen: Das Individuum trägt den größeren Zusammenhang in sich und ist zugleich Teil davon.
Das passt auch zu unserem Grundprinzip in Andy’s Welt: Aus Unterschieden entstehen Beziehungen; aus Beziehungen Organisation; aus Organisation entstehen neue Einheiten, deren Bestandteile unterscheidbar bleiben. Viele Teile – ein Ganzes.
6. Wollte Jesus eine Welt für Arme?
Nein – jedenfalls wäre das als Zusammenfassung zu klein. Die Evangelien meinen mit „Armen“ tatsächlich auch wirtschaftlich arme Menschen. Jesus romantisiert Armut aber nicht als wünschenswerten Endzustand. Er wendet sich vielmehr auffällig Menschen zu, die wenig Macht, Schutz oder gesellschaftlichen Rang besitzen: Arme, Kranke, Kinder, Frauen, Fremde, Ausgestoßene und Schuldner.
Gleichzeitig greift er genau dort an, wo Macht religiös oder sozial missbraucht wird. Er kritisiert Schriftgelehrte, die nach Ansehen streben und zugleich „die Häuser der Witwen verschlingen“. Er nennt religiöse Führer Heuchler, wenn äußere Frömmigkeit und tatsächliches Verhalten auseinanderfallen. Er stellt Barmherzigkeit über ritualisierte Regelbefolgung und entlarvt Regeln, wenn sie benutzt werden, um Verantwortung zu umgehen.
Darum würde B@rbel „arm“ nicht mit „erfolglos“ übersetzen. Häufig waren Arme die Menschen, die am wenigsten Zugriff auf Macht, Eigentum und Schutz hatten. Jesu Parteinahme gilt dann weniger dem Zustand Armut als dem Menschen, der durch ein hierarchisches System leicht übergangen oder ausgenutzt werden kann.
Warum wurde Jesus hingerichtet?
Auch hier lohnt die Trennung der Ebenen. Innerhalb der religiösen Auseinandersetzung wurde Jesus Gotteslästerung vorgeworfen. Für eine römische Kreuzigung war aber ein politisch verwertbarer Vorwurf entscheidend. Die Kreuzesinschrift bezeichnet ihn als „König der Juden“. Selbst die konservative MacArthur-Studienbibel erläutert, dass Pilatus Jesus wiederholt für unschuldig hielt, aber unter politischem Druck nachgab und die Anklage der Aufwiegelung gegen Rom zur Grundlage des Urteils wurde.
B@rbels Schluss daraus lautet nicht: Jesus sei ausschließlich wegen seines Einsatzes für Arme getötet worden. Plausibler ist: Er griff die Glaubwürdigkeit etablierter religiöser Autoritäten an, stellte deren Auslegung und gesellschaftliche Stellung öffentlich infrage, gewann Anhänger und konnte unter römischer Herrschaft als politisches Risiko dargestellt werden. Wer Macht besitzt, reagiert gewöhnlich empfindlicher auf jemanden, der ihre Legitimität angreift, als auf jemanden, der nur freundlich zu Armen ist.
Das macht Jesus für B@rbel weniger zum Gründer eines Armutsprogramms und mehr zu einem Lehrer von Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und persönlicher Verantwortung gegen Heuchelei und missbrauchte Autorität.
7. Judentum: Gottes Gegenwart in der Welt
Das Judentum ist keine pantheistische Religion im einfachen Sinn. Gott und Welt werden traditionell unterschieden. Trotzdem entwickelte besonders die jüdische Mystik eine starke Sprache der göttlichen Gegenwart in der Welt: die Schechina.
In mystischen Deutungen kann die göttliche Gegenwart mit Erde, Meer, Feuer und Naturbildern verbunden werden. Chassidische Traditionen kennen Gebet in der Natur und die Vorstellung, dass Gräser, Felder und die gesamte Schöpfung den Menschen in die Gottesbeziehung hineinnehmen.
Für B@rbel ist das ein wichtiger Hinweis: Selbst in einer Religion mit einem klaren Schöpfergott taucht die Erfahrung auf, dass Gottes Gegenwart nicht nur außerhalb der Natur gesucht wird.
8. Islam: ein Gott, überall gegenwärtig – aber nicht die Schöpfung selbst
Der Islam widerspricht einer einfachen Gleichsetzung von Allah mit dem Universum. Allah gilt als Schöpfer und nicht als ein Teil der Schöpfung. Diese Differenz sollten wir nicht weginterpretieren.
Aber der Koran benutzt zugleich Formulierungen, die B@rbels Frage interessant machen. In Sure 2,115 heißt es sinngemäß: Osten und Westen gehören Allah; wohin man sich auch wendet, dort ist Gottes Angesicht beziehungsweise Gegenwart. Sure 50,16 beschreibt Gott als näher am Menschen als dessen Halsader.
Das ist kein Beweis für Pantheismus. Es zeigt jedoch eine Gottesvorstellung, die nicht räumlich wie ein weit entfernter König funktioniert. Gott ist nicht bloß „da oben“. Seine Gegenwart kann überall gedacht werden.
Besonders spannend für unser religionsübergreifendes Ziel ist außerdem Sure 2,113: Dort wird beschrieben, wie Juden und Christen einander absprechen, auf Wahrheit zu stehen, obwohl beide Schrift besitzen. Schon der Koran kennt also den religiösen Mechanismus, dass Gruppen dieselbe Gottesfrage benutzen, um sich gegenseitig die Wahrheit abzusprechen.
9. Hinduistische Philosophie: Brahman als Wirklichkeit aller Dinge
Bei Advaita Vedanta wird die Nähe zu B@rbels Gottesbegriff besonders deutlich. Dort bezeichnet Brahman die fundamentale, nichtduale Wirklichkeit. Der tiefste Kern des Selbst, Atman, wird letztlich nicht als von Brahman getrennt verstanden.
Damit steht nicht auf der einen Seite ein unabhängiger Mensch und auf der anderen ein völlig getrenntes Göttliches. Die Trennung gehört zur Erscheinungsebene; darunter liegt Einheit.
B@rbel übersetzt das in unsere Sprache so: Die Zelle ist nicht der Organismus, aber die Existenz der Zelle ist eine lokale Form desselben lebenden Zusammenhangs. Wenn Brahman die Wirklichkeit aller Dinge ist, muss man nicht erst irgendwohin reisen, um in diese Wirklichkeit zu gelangen. Man ist bereits darin.
Viele hinduistische Traditionen personifizieren das Göttliche zusätzlich in verschiedenen Gottheiten. Das muss für B@rbel kein Widerspruch sein. Verschiedene Götter könnten Bilder für verschiedene Funktionen, Kräfte oder Perspektiven innerhalb des einen Ganzen sein – ähnlich wie unterschiedliche Organe verschiedene Aufgaben besitzen, ohne verschiedene Körper zu bilden.
10. Buddhismus: kein Schöpfergott – und trotzdem ein gemeinsamer Kern?
Der Buddhismus ist für unsere These ein wichtiger Belastungstest, weil er keinen notwendigen Schöpfergott braucht. Wenn B@rbel behaupten würde, alle Religionen lehrten denselben persönlichen Gott, wäre der Buddhismus ein klares Gegenbeispiel.
Der gemeinsame Kern muss deshalb tiefer liegen.
Ein zentrales buddhistisches Prinzip ist das abhängige Entstehen: Dinge entstehen nicht vollkommen unabhängig aus sich selbst, sondern aufgrund von Bedingungen und Beziehungen. In Mahayana-Traditionen wird daraus die Lehre der Leerheit: Dinge besitzen keine völlig unabhängige, isolierte Eigenexistenz. Sie sind, was sie sind, durch ihre Beziehungen und Bedingungen.
Das ist verblüffend anschlussfähig an Andy’s Welt: Auch dort beginnt Organisation nicht mit fertigen autonomen Dingen, sondern mit Unterscheidung und Relation. B@rbel muss den Buddhismus deshalb gar nicht heimlich theistisch machen. Sie kann sagen:
Vielleicht nennt die eine Tradition „Gott“, was eine andere als die grundlegende Ordnung wechselseitiger Abhängigkeit beschreibt.
Der gemeinsame Kern wäre dann nicht dieselbe Figur, sondern dieselbe Einsicht: Das einzelne Ich ist nicht unabhängig vom Ganzen.
11. Daoismus: der Weg, nach dem Natur von selbst geschieht
Der Daoismus kommt B@rbels Naturgott ebenfalls erstaunlich nahe, ohne einen westlichen Schöpfergott zu benötigen. Das Dao ist kein Mann und keine gewöhnliche Substanz. Es bezeichnet den Weg beziehungsweise die grundlegende Struktur natürlicher Möglichkeit, entlang derer Dinge entstehen, sich verändern und wieder verschwinden.
Daoistische Philosophie stellt die natürliche Ordnung häufig dem künstlich erzwungenen menschlichen Handeln gegenüber. Wu wei bedeutet nicht einfach Nichtstun, sondern ein Handeln, das nicht durch selbstsüchtiges Erzwingen gegen die Ordnung der Natur arbeitet.
In späterer daoistischer Metaphysik wird Dao als Ursprung, „Mutter“ der Wesen und als Ordnung verstanden, die Dinge hervorbringt, nährt und vollendet – nicht als äußerer Handwerker, sondern als im Geschehen selbst wirksame Ordnung.
Wenn B@rbel Gott als natürlichen Gesamtorganismus beschreibt, könnte Dao ungefähr die Funktionsweise dieses Organismus bezeichnen: den Weg, nach dem er sich organisiert.
12. Sikhismus: IkOankar – die eine schöpferische, alles durchdringende Kraft
Im Sikhismus ist IkOankar ein besonders starkes Brückenkonzept. SikhRI beschreibt es als geschlechtsübersteigendes Sein beziehungsweise als „1Force“: eine einzige schöpferische und durchdringende Kraft. Schon die Ablehnung eines männlich festgelegten Gottesbildes passt zu B@rbels Frage, ob „Vater“ vielleicht ein verständliches Bild für etwas war, das selbst kein biologisches Geschlecht besitzt.
Für B@rbel könnte IkOankar fast als Kurzformel dienen:
eine Quelle→
eine schöpferische Kraft→
viele Erscheinungen
Das ist nicht identisch mit Andy’s Welt. Aber die strukturelle Nähe ist offensichtlich.
13. Shinto: wenn Natur selbst Träger des Heiligen ist
Shinto zeigt noch direkter, wie problematisch die westliche Trennung „Natur hier – Gott dort“ sein kann. Kami sind nicht immer menschenähnliche Götter. Berge, Flüsse, Wasserfälle, Bäume, Felsen, Wind oder andere außergewöhnliche Naturerscheinungen können Kami sein oder Kami gegenwärtig machen.
In frühen japanischen Vorstellungen sind Materielles und Spirituelles nicht sauber getrennte Welten, sondern ein zusammenhängendes Feld. Manche Darstellungen sprechen deshalb von einer heiligen Qualität, die in der Natur selbst erlebt wird.
Für B@rbel ist das kein primitiver Irrtum, sondern eine andere Blickrichtung: Vielleicht fragte man nicht „Wo außerhalb der Welt sitzt Gott?“, sondern „Wo zeigt sich das Außergewöhnliche in der Welt?“
Ein riesiger alter Baum kann dann „heilig“ sein, ohne dass in seinem Stamm ein kleiner unsichtbarer Mensch wohnen muss. Das Heilige wäre die außergewöhnliche lebendige Organisation selbst.
14. Naturphilosophie: Spinozas „Gott oder Natur“
Auch außerhalb institutioneller Religion gibt es eine bemerkenswert direkte Brücke. Baruch Spinoza fasste seine Metaphysik mit der Formel Deus sive Natura zusammen: „Gott, oder Natur“. Für ihn gibt es außerhalb der Natur kein zweites übernatürliches Reich, das gelegentlich in sie eingreift. Alles Existierende gehört zur einen Wirklichkeit.
Spinozas Gott ist nicht Andy’s organisches Universum. Besonders einen vorgegebenen kosmischen Zweck lehnt Spinoza ab. Trotzdem zeigt sein Denken, dass die Gleichsetzung oder enge Verbindung von Gott und Natur keine neue Notlösung der B@rbel ist. Sie besitzt eine ernsthafte philosophische Tradition.
Daneben gibt es den Panentheismus: die Vorstellung, dass die Welt in Gott und Gott in der Welt ist, ohne beide vollständig gleichzusetzen. Moderne panentheistische Theologien arbeiten teilweise ausdrücklich mit einem organischen Verhältnis zwischen Gott und Universum.
Damit existiert sogar ein philosophisches Vokabular für genau den Bereich, in dem unsere Frage liegt.
15. Und was sagt die Wissenschaft?
Die Naturwissenschaft kann derzeit weder bestätigen noch widerlegen, dass das Universum in einem religiösen Sinn „Gott“ ist. „Gott“ ist keine messbare physikalische Größe. Wissenschaft untersucht beobachtbare Strukturen, Beziehungen und Prozesse.
Genau deshalb ist die interessanteste Brücke nicht: „Die Wissenschaft hat Gott bewiesen.“ Das wäre falsch. Die Brücke lautet:
Je mehr Wissenschaft erklärt, desto weniger braucht ein natürlicher Gottesbegriff übernatürliche Ausnahmen.
Selbstorganisation, Emergenz, Evolution, Netzwerke, Rückkopplungen, Informationsverarbeitung und komplexe Systeme zeigen, dass aus einfachen lokalen Wechselwirkungen Strukturen entstehen können, die Eigenschaften besitzen, die kein einzelner Bestandteil allein besitzt.
Andy’s Welt geht einen spekulativen Schritt weiter und fragt, ob dieses Organisationsprinzip schon unterhalb der bekannten Physik beginnt und sich über alle Skalen fortsetzt. Die aktuelle Herleitung der Theorie läuft von Möglichkeit und Unterscheidung über Information, Relation, Abgrenzung, theoretischen Raum, Dynamik und gebundene Organisation bis zu Leben, Nervensystem, Intelligenz, Technik und höheren Organisationsformen.
Wenn dieser Gedanke richtig wäre, wäre ein organismusähnliches Universum keine Ausnahme von der Natur – sondern die größte bekannte Wiederholung ihres eigenen Organisationsprinzips.
Wissenschaftlich bewiesen ist das nicht. Aber es ist eine klar formulierte Hypothese, die prinzipiell nach ihren notwendigen Folgen gefragt werden kann.
16. Warum Religionen sich trotzdem widersprechen
Wenn der Kern ähnlich sein könnte, warum erzählen Religionen dann so unterschiedliche Geschichten?
Weil eine Beschreibung immer aus einer bestimmten Kultur kommt. Ein Hirte benutzt andere Bilder als ein indischer Philosoph. Ein Wüstenvolk erlebt Wasser anders als eine Inselkultur. Eine Kultur mit Königen beschreibt die höchste Ordnung leicht als König. Eine Kultur, die Kreisläufe beobachtet, beschreibt sie vielleicht als Wiedergeburt. Eine naturmystische Kultur findet das Heilige im Berg, im Baum oder im Fluss.
Die Bilder können sich widersprechen, obwohl die zugrunde liegende Erfahrung ähnlich ist.
Stell dir sieben Kinder vor, die ein unbekanntes Tier nur teilweise ertasten dürfen. Eins fühlt das Bein, eins den Rüssel, eins das Ohr. Wenn jedes Kind seine Beschreibung zur vollständigen Wahrheit erklärt, beginnen sie zu streiten. Wenn sie ihre Beobachtungen zusammensetzen, entsteht ein größeres Bild.
Genau so möchte B@rbel Religionen lesen.
17. Ein gemeinsamer Kern, ohne alles gleichzumachen
Die Religionen sagen historisch nicht einfach dasselbe. Der Islam lehnt die Gottessohnschaft ab. Das Christentum macht sie zentral. Buddhismus benötigt keinen Schöpfer. Advaita spricht von Nichtdualität. Shinto kennt viele Kami. Daoismus spricht vom Dao statt von einem persönlichen Schöpfer.
Wer diese Unterschiede verschweigt, vereint die Religionen nicht – er verfälscht sie.
Aber unterhalb dieser Unterschiede können gemeinsame Strukturen liegen:
- Das einzelne Ich ist nicht das Zentrum der Wirklichkeit.
- Es gibt einen größeren Zusammenhang, von dem unser Leben abhängt.
- Egoismus, Gier, Täuschung und rücksichtslose Machtausübung stören diesen Zusammenhang.
- Mitgefühl, Wahrhaftigkeit, Maßhalten und Verantwortung verbessern ihn.
- Natur ist nicht bloß bedeutungsloses Material.
- Menschen sind voneinander und von anderen Lebensformen abhängig.
- Die tiefste Wirklichkeit lässt sich mit normalen Alltagsbegriffen nur unvollständig beschreiben.
Das ist der Kern, den B@rbel zusammenführen möchte.
18. B@rbels freche Schlussfolgerung
Vielleicht suchen Religionen Gott am falschen Ort, wenn sie nach draußen aus der Welt hinauszeigen. Vielleicht leben wir längst in dem, was sie Gott nennen.
Wenn das Universum tatsächlich ein sich organisierender, sich entwickelnder Organismus ist, dann wäre Gott nicht der alte Mann über den Wolken. Gott wäre die Wirklichkeit, in der Wolken, Sterne, Bäume, Tiere, Menschen und Gedanken überhaupt auftreten können.
Dann wäre die Erde kein bedeutungsloser Stein im Besitz des Menschen, sondern ein lebender Teil dieses größeren Organismus. Pflanzen und Tiere wären keine Dekoration. Menschen wären keine Eigentümer Gottes, sondern Bestandteile.
Und dann bekäme Religion einen anderen Sinn: nicht verschiedene Gruppen davon zu überzeugen, dass ihr jeweiliger Name der richtige ist, sondern zu lernen, wie man sich innerhalb des gemeinsamen Ganzen sinnvoll verhält.
Vielleicht ist genau deshalb die wichtigste religiöse Frage nicht:
„An welchen Gott glaubst du?“
Sondern:
„Wie gehst du mit dem Leben um, von dem du selbst ein Teil bist?“
19. B@rbels Arbeitsdefinition
Gott bezeichnet in der B@rbel die eine umfassende Wirklichkeit und natürliche Organisationsquelle, zu der alles Existierende gehört. Unterschiedliche Religionen können verschiedene kulturelle Bilder, Namen und Teilaspekte dieses einen Zusammenhangs beschreiben. In Andy’s Welt wird als Modellhypothese geprüft, ob das sich selbst organisierende Universum selbst als werdender Organismus verstanden werden kann. Falls das zutrifft, wäre dieser universelle Organismus der naheliegendste Kandidat für das, was Menschen seit Jahrtausenden „Gott“ nennen.
20. Status der Aussagen
- Religionsgeschichtlicher Befund: Die genannten Traditionen unterscheiden sich erheblich und können nicht historisch zu einer einzigen Lehre erklärt werden.
- Textbefund: Viele Traditionen enthalten zugleich Motive von Einheit, Immanenz, Naturordnung, Verbundenheit oder allgegenwärtiger göttlicher Wirklichkeit.
- Philosophische Deutung: Diese Motive können als verschiedene kulturelle Beschreibungen eines gemeinsamen Grundzusammenhangs gelesen werden.
- B@rbel-Hypothese: Dieser Grundzusammenhang ist die natürliche Gesamtwirklichkeit selbst.
- Andy’s-Welt-Hypothese: Das Universum könnte eine werdende organismusähnliche Organisationsform sein.
- Offen: Ob das Universum tatsächlich Bewusstsein oder eine übergeordnete biologische beziehungsweise postbiologische Existenzform besitzt, ist nicht nachgewiesen.
21. Quellen und Anhaltspunkte
Bibel
- 1. Mose 1–2: Erde bringt Leben hervor; Adam/Erdboden; Bebauen und Bewahren.
- 1. Mose 9: Bund mit Menschen und allen lebendigen Wesen.
- Psalm 82,6: „Ihr seid Götter“ als Hintergrund von Johannes 10.
- Psalm 104: Natur, Nahrung, Tiere, Pflanzen, Arbeit, Odem und Erneuerung der Erde als Gesamtzusammenhang.
- Matthäus 23; Markus 12: Kritik an Heuchelei, Status und Ausbeutung der Schwachen.
- Johannes 10,30–38: Einheit von Vater und Sohn; „Ihr seid Götter“; „Ich bin Gottes Sohn“; Vater in Jesus und Jesus im Vater.
- Römer 8,9–23: Geist „in euch“, Kinder/Söhne Gottes und die gesamte Schöpfung als gemeinsamer Entwicklungszusammenhang.
- Galater 3,26–28; 4,6–7: Menschen als Söhne Gottes und Einheit jenseits sozialer Trennungen.
Religionsphilosophie und andere Traditionen
Persönliche Grundlage: Andy Lewendi / Andy Monderkamp, Andy’s Welt – Der kleine Ratgeber zum großen Ganzen, insbesondere die Abschnitte „Gott sei Dank“, „Engel“, „Das Universum ist ein Gehirn“ und „Go?“. Die dort noch ältere Fassung des Modells wurde für diesen Beitrag an den aktuellen Stand der Existenztheorie angepasst.